endlos


«Ich fühle mich so leer; komisch, ist dir schon einmal aufgefallen, dass Leere wehtut?» – «Ich sage mir immer wieder, dass ich die Fähigkeit zu lieben habe, aber diese Liebe ist ganz tief in mir eingesperrt.» – «Ich bin ein Versager, und mit mir geht es bergab. Wenn ich stillhalten würde, um nachzudenken, würde die Furcht mich lähmen.» Bettina Disler hat für ihre Videoinstallation endlos (2007) Sätze wie die oben zitierten aus Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe (Scener ur ett äktenskap, 1973) mit zwei Schauspielern neu vertont. Es sind Vorwürfe, Reflexionen, Geständnisse, mit denen die Ehepartner im Film ihre innere Zerrüttelung und Ausweglosigkeit zum Ausdruck bringen, mit denen sie ihre Ehe zu retten versuchen oder sich gegenseitig bewusst verletzen.

 

Der Besucher von Dislers Installation hört diese mal laut, mal leise, mal wütend, mal nachdenklich gesprochenen Worte über Kopfhörer, die in von der Decke hängende Tiermasken integriert sind. Das eigene Gesicht verdeckt und damit gleichsam in ein fremdes Wesen verwandelt, dringt die Zuschauerin in einen anderen Kosmos ein und wird zur Beobachterin von fremden Seelenwelten. Durch die Augenöffnungen der Masken ist die an die Wand projizierte düstere Kulisse einer Unterwelt zu erkennen. Eingeengt von einem dunklen Mauerwerk rollen auf drei Bahnen Glaskugeln auf den Betrachter zu. In diesen sind Menschen zu erkennen, die offenbar dazu verdammt sind, die immer gleiche Bewegung auszuführen. Sie sind sowohl in ihrem Handeln als auch in dem sie umgebenden Raum gefangen und drehen sich, ähnlich einem Wasserrad, immerzu um einen Stock in der Mitte der Glaskugel. Die Individuen scheinen sich des Abgrunds, der sich unmittelbar vor ihrem vermeintlichen Eindringen in den Betrachterraum öffnet und sie im Nichts versenkt, genauso wenig bewusst zu sein wie der Sinnlosigkeit ihrer Bewegung oder der Unentrinnbarkeit ihrer Lage. Das menschliche Leben wird so als eine ständige Wiederkehr von schon Gehabtem geschildert, als ein trostloser Kreislauf, in dem sich Tage, Wochen und Jahre aneinanderreihen und dem sich niemand entziehen kann. Die mittels der Bilder dargestellte Ohnmacht wird von den hörbaren Fragmenten von Konversationen gespiegelt. Denn so wie die projizierten Protagonisten sich gegenseitig nicht wahrnehmen, scheinen sich auch die Stimmen nicht zu hören, sprechen sie doch immer nur über sich selbst und übereinander hinweg. Und ganz ähnlich wie durch die in der Endlosschlaufe gefangenen Figuren wird auch anhand der Reden die Festgefahrenheit in einer Situation und die Unmöglichkeit, sich aus dieser zu befreien, zum Ausdruck gebracht, indem beispielsweise durch die scheinbare Erregung der Vortragenden ein Verlieren der Kontrolle über sich selber und den Inhalt der Aussagen demonstriert wird.

 

Disler hat die in ihrer technischen Perfektion an Video-Spiele erinnernde surreale Welt von endlos in einer Weise mit unserer Wirklichkeit verknüpft, dass die Videoinstallation als Verbildlichung eines psychologischen Zustands erscheint. «Mich interessiert es», so sagt die Künstlerin selber «Zustände der Ungewissheit einzufangen, Ängste auszuloten und eine Sprache für ‹den Raum zwischen den Ereignissen› zu finden.» Mit endlos hat Disler so denn auch ein Sinnbild für das Innere einer Gesellschaft geschaffen, deren Mitglieder sich selbst zu Sklaven ihrer eigenen Ängste, ihrer eigenen Leere, ihrer eigenen Ich-Zentrierung gemacht haben.

Text: Petra Giezendanner